DIRECTOR`S NOTE „Geschwister – Ein letzter Wunsch” (2026)

„Geschwister: Ein letzter Wunsch“ ist für mich seit unserem Entschluss, uns an „Key Frames 2026“ des MDR und der MDM zu beteiligen und einzureichen, zu einem sehr persönlichen Filmprojekt geworden, da ich beim Schreiben des ersten Drehbuch-Drafts nach anfänglichem Zögern immer mehr autobiografische Erlebnisse, Eindrücke und Erinnerungen einfließen ließ. Das ergab sich ganz natürlich, da wir uns als Studio und Firma und ich selbst tagtäglich beruflich und privat mit diesen Themen beschäftigen: neue Perspektiven, Zukunftsentwürfe und Alltagsbeobachtungen, die gesellschaftliche und politische Themen unserer Zeit aufgreifen und zum Nachdenken anregen …

„Geschwister: Ein letzter Wunsch“ ist ein Film über die Komplexität von Beziehungen, die Widersprüche der Gesellschaft und die zarte, oft widersprüchliche Natur von Versöhnung. Es geht um die Frage, wie sehr unsere familiären, sozialen und politischen Prägungen unser Leben bestimmen und gleichzeitig auch die Möglichkeit bieten, diese zu überwinden – oder eben nicht.

Im Zentrum der Erzählung steht Jessica, eine Mutter am Ende ihres Lebens, deren einziger Wunsch es ist, ihre Kinder wieder miteinander zu vereinen. Ihre Bitte ist sowohl einfach als auch fast unmöglich. Die beiden Kinder, Jasmin und Julian, stehen für zwei sehr unterschiedliche Welten, die sich immer weiter voneinander entfernt haben, seit der gemeinsame Vater vor 40 Jahren im Jahre 2026 unvermittelt verstarb. Doch ich wollte nicht nur von diesen zwei Charakteren und ihrer Mutter erzählen, sondern auch von dem Land, in dem sie aufgewachsen sind, in dem sie leben und das sie selbst mitprägen – ein ehemals geteiltes Land im Umbruch, eine gespaltene Gesellschaft, geprägt von politischen, sozialen und ökologischen Entwicklungen und Veränderungen.

Der Film bewegt sich dabei zwischen mehreren Zeitebenen und alternativen Welten – als Fixpunkt die Gegenwart von 2066, daneben Erinnerungen an unsere gemeinsame Vergangenheit bis 2025 und dazu zwei völlig konträre, alternativen Welten, in die sich unsere Region Mitteldeutschland, unser Land und wir alle uns hinentwickeln könnten.

Durch die Verwendung von assoziativen Bildern und den Verweis auf gesellschaftliche Meilensteine – wie den Arabischen Frühling, die Fukushima-Katastrophe und das Kernkraft-Aus, die Russische Annexion der Krim, die „Flüchtlingskrise“, den Aufstieg des IS, Trumps erste Wahl zum US-Präsidenten, Klimastreiks und Proteste gegen soziale Ungleichheit, die weltweite Corona-Pandemie, den russischen Angriff auf die Ukraine, die Energiekrise, den Angriff der Hamas auf Israel, die Debatten um Migration und Innere Sicherheit, den demografischen Wandel, die Digitalisierung oder den Transformationsprozess nach 1990 – wollte ich nicht nur eine persönliche, sondern auch eine kollektive Geschichte erzählen, die wir alle noch gegenwärtig haben und die uns weiter beschäftigt. Die Herausforderungen, mit denen Jessica und ihre Kinder Jasmin und Julian konfrontiert sind, spiegeln die Herausforderungen einer Gesellschaft, die sich immer weiter fragmentiert, immer weiter polarisiert, wo Verständnis und Konsens immer schwieriger werden.

Die parallelen Zukunftsstränge von Jasmin und Julian – eine progressive, nachhaltige Welt auf der einen Seite und eine autoritäre, zunehmend radikalisierte Gesellschaft auf der anderen – sind nicht einfach als Schwarz-Weiß-Bilder angelegt. Ich möchte, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer diese beiden Welten in ihrer Ambivalenz und Komplexität erkennen. Jasmin lebt in einer Welt der Erneuerung und Hoffnung, aber auch sie muss mit den Widersprüchen dieser Welt leben, mit den ökologischen und sozialen Kosten, die dieser Wandel mit sich bringt. Julian hingegen lebt in einer zunehmend kontrollierten, vereinsamten Welt, in der ihn seine ideologischen Entscheidungen immer weiter von seiner Menschlichkeit entfernen. Aber auch in ihm ist das verletzte Kind von damals noch spürbar – ein Kind, das den plötzlichen Verlust des Vaters nie richtig verarbeitet hat.

Eine Esche im Garten vor dem Haus ist für mich das Herz des Films. Dieser Baum ist nicht nur ein Symbol der Familie, sondern auch des Landes selbst – gewachsen, aber beschädigt, tief verwurzelt, aber in Gefahr. Der Baum steht für all das, was in der Geschichte durchbrochen und gleichzeitig erhalten bleibt. Als die Geschwister beginnen, sich wieder zu begegnen, und sich die Bildwelten von Jasmin und Julian verschränken, beginnt sich auch der Baum zu regenerieren – ein leises, vorsichtiges Zeichen der Hoffnung, dass Veränderung, wenn auch schmerzhaft, möglich ist.

Der Moment der Versöhnung, den Mutter Jessica so sehr erhofft hat, ist nicht ein großer, dramatischer Akt. Es ist eine zarte Geste – ein Berühren der Hände, ein Moment des gegenseitigen Verstehens, der sich aus der ganzen Lebensgeschichte dieser Familie speist. Ich möchte, dass der Film diese kleine, aber tiefgehende Möglichkeit des Verstehens vermittelt – dass Versöhnung keine moralische Pflicht ist, sondern ein fragiles, oft unvollständiges Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können.

Als Inspiration für die Ausarbeitung unserer grundsätzlichen Filmidee diente neben meinen täglichen „beruflichen Beobachtungen“ der weltpolitischen und sozio-gesellschaftlichen lokalen und globalen Entwicklungen als tagesaktueller Karikaturist auch die einfache Tatsache, dass ich selbst mein ganzes Leben in Leipzig und Mitteldeutschland von Magdeburg bis Sächsische Schweiz verbracht habe – abgesehen von einem 3,5-jährigen Wohnortwechsel nach dem Mauerfall ins neu zusammenwachsende Berlin während der Baseballschlägerjahre (Schlagworte: Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln oder Solingen).

Als erste Idee für den Grundkonflikt des Filmes diente mein eigenes … uhm … sehr schwieriges und komplexes Verhältnis zu meiner Schwester, als dessen Kulminationspunkte mir nach einer jahrelangen schleichenden Entfremdung aufgrund unserer unterschiedlichen Lebensauffassungen schließlich das Sterben und der Tod meines Vaters vor zehn Jahren, die Corona-Pandemie ab 2020 und unser jeweils vollkommen unterschiedlicher Umgang damit noch schmerzlich greifbar und längst nicht geklärt sind. Ebenso Eingang in die Handlung fand dadurch auch vor allem das jetzige (Witwen-)Leben meiner inzwischen fast 80-jährigen Mutter, die direkt neben mir allein im Nachbarhaus wohnt, inklusive eines gepflanzten Familienbaumes im Garten.

Die Frage, die der Film aufwerfen soll, ist nicht nur die nach der Zukunft dieser Familie, sondern auch die nach der Zukunft unserer Region Mitteldeutschland und unseres ganzen Landes. Was können, was werden wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit und unseres jetzigen Tuns lernen? Welche Welt wollen wir nähren – als Gesellschaft, als Individuen? Der Film fällt kein fertiges Urteil, sondern ist ein Aufruf, sich die Frage zu stellen, wie wir gemeinsam die Zukunft gestalten können. Die Entscheidung, ob wir aufeinander zugehen oder uns noch weiter voneinander entfernen, liegt bei uns – in den kleinen, aber entscheidenden Momenten, die unser Leben und unsere Welt prägen.

„Geschwister: Ein letzter Wunsch“ ist für mich eine Einladung innezuhalten, nachzudenken und zu spüren, wie zerbrechlich und gleichzeitig kostbar der Weg zu einer besseren Zukunft sein kann. Es ist ein Film, der auf die Kraft der Empathie setzt – die Fähigkeit, sich gegenseitig zu verstehen, auch in der größten Differenz. In einer Welt, die sich immer weiter spaltet, stellt der Film die Frage, ob es möglich ist, aufeinander zuzugehen – in der Familie und in der Gesellschaft.

– Schwarwel, Dezember 2025